„Das bisschen Zucker hat meine Füße kaputt gemacht…“

Die Vorstellung, dass Diabetes doch nur „ein bisschen Zucker“ und „nicht so schlimm“ ist, ist in vielen Köpfen von Laien, Betroffenen und auch teilweise von Behandlern nach wie vor fest verankert. Doch die Realität sieht anders aus. Die steigende Anzahl von Erkrankten ist ein enormes Problem für das Gesundheitssystem. Die Klinik für Dia­beto­logie und Ernährungsmedizin bietet Betroffenen unter anderem stationäre Intensivschulungen an, um ihnen im alltäglichen Umgang mit der Krankheit zu helfen.

Aktuell sind mehr als sieben Millionen Menschen in Deutschland von Diabetes betroffen – Tendenz steigend. Grund für den Anstieg ist häufig ein zu essensreicher und bewegungsarmer Lebensstil. Diese Aspekte verschärfen sich zunehmend: Heute leiden zwei Drittel der Männer und rund die Hälfte der Frauen in Deutschland an Übergewicht. „Die Anzahl der an Diabetes Erkrankten wird weiter steigen. Denn Übergewicht erhöht das Risiko einer Diabeteserkrankung. Umso wichtiger ist unsere Arbeit“, erläutert Christian-Dominik Möller, Chefarzt der Klinik für Dia­beto­logie und Ernährungsmedizin.

Das Team der Dia­beto­logie versucht seine Patienten zum langfristigen Umgang mit der Krankheit zu befähigen. Die Station der Klinik hat vor einigen Monaten neue Räume bezogen. Während die Station früher unter dem alten Namen N5 noch im 5. Stock des Bettenhochhauses beheimatet war, ist sie heute im Dachgiebel des gründerzeitlichen Altbaus, der Station A9, angesiedelt. Lichtdurchflutete Zimmer und ein großer Schulungsraum prägen die Station. Die häufigsten medizin­ischen Gründe einer Aufnahme auf die A9 sind Therapieumstellungen bzw. -anpassungen, notwendige Schulungen zur Vermittlung von Therapiewissen, und vor allem Beschwerden mit der Wundheilung an den Füßen – dem Diabetischen Fußsyndrom. „Die Kombination aus Diabetes, Neuropathie*, Fußwunden mit schlechter Wundheilung, Herz- und Durchblutungsprobleme, sowie Nierenschädigungen, die unterschiedlich weit fortgeschritten sind, ist häufig bei unseren multimorbiden Patienten, die allein mit sich und ihren Gesundheitsdefiziten manches Mal überfordert sind“, erklärt Christian-Dominik Möller.  

Die Grunderkrankung der Patienten ist also die gleiche, die Beschwerden sind aber sehr unterschiedlich. Deswegen gibt es keine Routinebehandlung mit den immer gleichen Medikamenten oder Insulindosierungen. Stattdessen sind sehr vielfältige Behandlungsansätze mit unter­schiedlichen Medikamenten nötig. Zudem nützt die beste Medikation wenig, wenn der Patient die Sinnhaftigkeit der medizin­ischen Empfehlung nicht versteht und die Therapieregeln mit den dazu gehörigen physiologischen Zusammenhängen nicht erfassen kann – oder will.

Die Motivation, sich 24 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche und 52 Wochen im Jahr um die Blutzuckerregulation zu kümmern erfordert Ausdauer und hängt an vielen Faktoren. Deswegen unterstützen Fachpsychologen die Therapiemotivation der Patienten in der Dia­beto­logie. „Betroffene müssen die Überzeugung mitbringen, dass sie es sich selbst Wert sind, diese Energie für sich aufzubringen. Die teils komplexen Therapieregeln müssen von den Patienten verstanden und verinnerlicht werden. Dazu braucht es eine ausreichende Frustrationstoleranz, um die häufigen Blutzuckerausreißer zu ertragen.“, so Isabel Laß, Fachpsychologin in der Dia­beto­logie.

Zumal der Alltag der meisten Menschen nicht nur die Diabetestherapie als Lebensherausforderung bereithält, sondern auch noch andere Schwierigkeiten bietet. Die Behandlung der Patienten zielt deswegen sowohl auf die physische als auch die psychische Seite ab. Zum einen geht es darum zu ermitteln, welche Insulinmengen und Antidiabetika der Betroffene für seinen Tagesgrundbedarf und welche Dosierungen er für seine unter­schiedlichen Mahlzeiten braucht – oder wie die Wundversorgung am effektivsten laufen könnte. Zum anderen arbeitet das Team der Klinik daran, gemeinsam mit dem Patienten herauszufinden, wie sie die Blutzuckerführung am besten in ihren Alltag integrieren können. Schließlich muss die Blutzuckerkontrolle mehrmals täglich erfolgen.

Viele Patienten können durch intensive Gespräche mit (Wund-)Pflegern, Ärzten, Diabetesberaterinnen, Sozialarbeitern und Fachpsychologen eine Bewusstwerdung und Veränderungen einleiten. Bei dieser inneren Neuausrichtung gibt das Team alltagstaugliche Tipps und Hilfestellungen, damit diese auch gelingen können. Familienmitglieder der Patienten werden mit in die Behandlung und Schulung eingebunden, so dass der Betroffene Unterstützung erhalten kann – oder auch psychische Entlastung, da bei einer derart aufwändigen Therapie Konflikte im Zusammenleben mit Angehörigen an der Tagesordnung sind. In der Regel sind die Patienten fünf Tage auf der A9. In dieser Zeit gilt es, die Patienten mit Blick auf ihre Lebenssituation und Ernährung bestmöglich zu unterstützen und Unterzuckerungen im Alltag frühzeitig zu erkennen – oder bestenfalls zu vermeiden. „Die Arbeit in der Dia­beto­logie ist intensiv und interessant. Bei häufig wechselndem Patientenstamm erfordert sie auch eine dauerhaft engagierte und positive Grundhaltung von uns Behandlern sowie bei den vielen verschiedenen Menschen in teilweise haarstäubenden Lebenssituationen, in die wir kurzzeitig Einblick bekommen und die wir bestmöglich unterstützen wollen“, fasst Isabel Laß zusammen.

*  Nervenschädigungen meistens in den Beinen und Füßen verortet

 

Stationäre Diabetesschulungen im Bürgerhospital

Die Klinik für Dia­beto­logie und Ernährungsmedizin bietet regelmäßig fünftägige stationäre Diabetesschulungen an, die sich an den praktischen Bedürfnissen des Alltags der Patienten orientieren. Die Schulungen richten sich an Typ-1- und Typ-2-Diabetiker. Der Schwerpunkt liegt auf langfristig anwendbare und alltagstaugliche Hilfestellungen, die die individuelle Lebenssituation, den Beruf, Ernährungsweisen und körperliche Herausforderungen berücksichtigen.

 

Zusätzliche Informationen und Schulungstermine finden Sie unter

www.buergerhospital-ffm.de/diabetologie

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