Von A wie Abnabeln bis Z wie Zuwendung - Wie es ist, Hebamme an einem der größten Kreißsäle Deutschlands zu sein

Wenn Lea Fluhrer und Christine Müller ihren Dienst antreten, wissen sie nie, was sie an diesem Arbeitstag erwartet. Die beiden sind Hebammen an einem der größten Kreißsäle Deutschlands und begleiten täglich mehrere Frauen vor, während und nach der Geburt ihres Kindes. Wie viele Schwangere werden an diesem Tag ihren Kreißsaal aufsuchen? Wie anspruchsvoll werden die Geburten sein und welche emotionalen Heraus­for­de­rungen warten auf sie? Erst nach ihrem Dienstende werden sie Antworten darauf kennen. Genau das macht für die beiden den Reiz an ihrem Beruf aus.

Wenn die beiden zum Arbeitsbeginn am Bürgerhospital Frankfurt eintreffen, besprechen sie sich immer zuerst mit ihren Kolleginnen bei einer ausführlichen Übergabe. Jede Hebamme berichtet hier von den von ihr betreuten Frauen - wie weit die Geburt fortgeschritten ist, welche Maßnahmen erfolgt sind und welche womöglich noch ausstehen. Wie ist die Wehentätigkeit? Liegt ein Blasensprung vor? Muss eingeleitet werden? Benötigt jemand Schmerzmittel? Gab es Auffälligkeiten in der Schwangerschaft? Wie sieht das CTG aus?

Nach der Übergabe teilen sich die Hebammen die zu betreuenden Frauen auf. Allen ist wichtig, dass möglichst jede Frau für die nächsten Stunden eine feste Hebamme hat. „Auch für uns Hebammen ist es zufriedenstellend, wenn wir eine Frau möglichst lange betreuen können. Wir müssen uns schließlich kennenlernen und mit ihnen als Team arbeiten. Wenn wir während unserer Schicht auch die Geburt erleben dürfen, ist das ein sehr beglückendes Gefühl“, erklärt Christine Müller.

Wie viele Frauen eine Hebamme während ihrer Schicht gleichzeitig betreut, ist immer abhängig von der jeweiligen Situation. „Wenn ich eine Frau zur Einleitung übernehme und eine andere Frau, die ihr Kind schon geboren hat und in absehbarer Zeit verlegt werden kann, dann schaffe ich es natürlich, mehrere Frauen gleichzeitig zu betreuen. Aber wenn eine Frau unter der Geburt ist, dann bleibt es für die heiße Phase bei einer 1:1-Betreuung zwischen mir und ihr“, erläutert Christine Müller ihre täglich wechselnde Arbeitsauslastung.

Grundsätzlich warten im Kreißsaal viele verschiedene Aufgaben auf die Hebammen: Sie leiten Geburten medikamentös ein, überwachen die Wehentätigkeit und Herztöne des Kindes mittels eines CTGs. Während der Geburt unterstützen sie die werdenden Mütter mit verschiedenen Maßnahmen, bieten Entspannungsbäder oder Schmerztherapien an, schauen und hören genau hin, was die Frau benötigt. Sie treffen Absprachen mit Ärzt:innen, helfen, eine gute Gebärposition zu finden und nehmen das Kind in Empfang.

Nach der Geburt begleiten sie Mutter und Kind in der Nachgeburtsperiode, führen die Erstuntersuchung U1 durch und verlegen zwei Stunden später beide auf die Wochenstation. Ist ein Kaiserschnitt notwendig, begleitet eine Hebamme die Frau im OP und nimmt dort die Erstversorgung des Kindes vor.

Seit 18 Jahren ist Christine Müller nun schon Hebamme. Dabei wollte sie immer Ärztin werden. Doch die Hebammenausbildung, die zunächst als Überbrückung bis zum gewünschten Medizin­studium gedacht war, änderte schnell ihren Berufswunsch. „In der Ausbildung habe ich gemerkt, dass es mir unheimlich große Freude bereitet, die Frauen über einen längeren Zeitraum intensiv zu betreuen. Als Ärztin würde ich die Frauen immer nur kurz zu einem medizin­ischen Eingriff sehen“, erinnert sie sich an Ihren Sinneswandel.

Ihre Kollegin Lea Fluhrer fand dagegen schon als Jugendliche schwangere Frauen faszinierend und sah ihre erste Geburt während eines freiwilligen Praktikums. Für die Ausbildung am Bürgerhospital zog sie von Wertheim nach Frankfurt, seit September 2021 ist sie ausgebildete Hebamme. Schritt für Schritt wurde sie in der Ausbildung an die verantwortungsvollen Aufgaben herangeführt: „Im ersten Ausbildungsjahr habe ich die Leopold-Handgriffe gelernt, mit denen man die Lage des Kindes ertasten kann. Ich habe Wehenschreiber, d.h. CTGs, angelegt und durfte bei den Geburten zuschauen.“

Ab dem zweiten Jahr folgten vierhändige Handgriffe, bei denen die anleitende Hebamme und die Schülerin ihre Hände übereinanderlegen. Nach und nach durfte sie später unter den wachsamen Augen einer erfahrenen Praxisanleiterin allein erste Handgriffe ausführen. In einem letzten Schritt lernte sie dann, gleichzeitig zu ihrer konzentrierten Tätigkeit mit den Frauen zu kommunizieren. „Das war anfangs gar nicht so einfach, parallel zu den Handgriffen auch auf die Frauen einzugehen. Aber die Frauen haben immer sehr positiv auf mich als Hebam­men­schü­lerin reagiert und ich wurde nie zurückgewiesen. Darüber war ich sehr froh“, berichtet sie weiter.

Selbst als ausgelernte Hebamme wurde Lea Fluhrer intensiv begleitet. In der Einar­bei­tungs­zeit hatte sie immer eine feste Ansprech­part­nerin, die für Fragen zur Verfügung stand. „Mit der Zeit merkt man aber, dass man nicht mehr so viel Hilfe benötigt und immer sicherer wird. Es ist quasi eine schrittweise Abnabelung“, schildert sie augenzwinkernd.

Abgenabelt werden im Kreißsaal aber nicht nur junge Hebammen, sondern vor allem Neugeborene. 4.633 Kinder waren es in 4.373 Geburten im Jahr 2021 am Bürgerhospital Frankfurt. Doch nicht nur die große Anzahl an Geburten zeichnet den Kreißsaal aus. Denn das zertifizierte Perinatal­zentrum Level 1 suchen viele Risi­ko­schwan­gere auf: Frauen mit Schwan­ger­schafts­dia­betes etwa oder Zwillinge, die natürlich geboren werden, Frauen mit komplikationsreichen Schwan­ger­schaften oder schwierigen Verläufen bei vorangegangenen Geburten. Auch kann es vorkommen, dass etwa im Falle einer Präeklamsie*, eine Frau im Kreißsaal intensiv überwacht werden muss, bis sich abzeichnet, ob sich ihr Zustand stabilisiert oder ob eine umgehende Geburt per Kaiserschnitt notwendig ist.

Doch nicht nur wegen des hohen medizin­ischen Anspruchs arbeiten Christine Müller und Lea Fluhrer gerne am Bürgerhospital. Christine Müller hat sich nach einigen Kreißsaal-Erfahrungen bewusst für den des Bürger­hospitals entschieden: „Ich habe einen recht weiten Weg zur Arbeit, aber den nehme ich in Kauf. Denn obwohl wir mit über 50 Hebammen ein recht großes Team sind und viele Frauen betreuen, stimmen die Arbeitseinstellung und das Miteinander. Sollte es Konflikte unter uns Hebammen geben, sprechen wir sie offen an. Auch mit den Ärzten kann ich auf Augenhöhe eine Geburtssituation besprechen. Uns alle verbindet das gemeinsame Ziel, die Frauen gut zu betreuen.“

Auch Lea Fluhrer empfindet die Zusammenarbeit mit den Ärzt:innen als konstruktiv: „Ich kann mich jederzeit mit einem Arzt über Geburtsfortschritte austauschen, wir arbeiten nicht gegeneinander, sondern wir verstehen uns als ein Team. Auf meine Einschätzung als Hebamme wird großen Wert gelegt.“

Nicht immer endet eine Geburt jedoch mit einem gesunden Neugeborenen und einer glücklichen Familie. Eine Hebamme erlebt auch tragische Momente unmittelbar mit und muss den Eltern beistehen, wenn ein Kind schwer krank oder verstorben zur Welt kommt. „Früher habe ich solche Erlebnisse oft mit nach Hause genommen, aber mittlerweile habe ich einen guten Umgang gefunden. Ich kann mit den Eltern trauern aber trotzdem mein Leben normal leben“, beschreibt Christine Müller ihre gefasste Einstellung.

„Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung sind für mich als Hebamme nicht die Geburten mit ver­storbenen oder kranken Kindern die persönlich belastenden Situationen. Denn auch solche Geburten kann ich fürsorglich und würdevoll gestalten.“ Lea Fluhrer stimmt ihr bei: „Solange ich das Gefühl habe, in einer Notfallsituation alles getan zu haben, was in meiner Macht stand, dann kann ich damit gut umgehen.“

Rückblickend werden tragische Geburtsverläufe oder Notfallsituationen im Team gemeinsam analysiert, ob in jedem Moment die richtigen Schritte unternommen wurden. Diese Rekapitulation hilft, alle Beteiligten emotional zu entlasten.

Glücklicherweise sind selbst an einem großen Kreißsaal wie dem des Bürger­hospitals solche Situationen selten. Wenn eine Geburt mit einem gesunden Neugeborenen, einem erleichterten Vater und einer dankbaren Mutter endet, sind auch Christine Müller und Lea Fluhrer jedes Mal ergriffen. „Die Dankbarkeit der Frauen ist enorm groß. Wenn sie schon wenige Sekunden nach der Geburt mit Tränen in den Augen ihre Dankbarkeit bekunden oder meine Hand drücken, dann kommt das von Herzen und bedeutet mir sehr viel,“ berichtet Lea Fluhrer.

Genau diese enge Beziehung zu den Frauen ist es, was beide Hebammen an ihrem Beruf so schätzen. „Viele denken, als Hebamme arbeite man überwiegend mit Neugeborenen und ich werde meist zuerst auf die Babys angesprochen. Aber tatsächlich ist die Arbeit sehr auf die Frauen und ihre Bedürfnisse bezogen“, korrigiert Lea Fluhrer die weithin verbreitete Auffassung. Christine Müller pflichtet ihr bei: „Zu manchen Frauen baut man sehr schnell eine besondere Bindung auf. Für mich ist es das Schönste, wenn ich mit dem Gefühl nach Hause gehe, dass ich sie auch bei einer unter Umständen anspruchsvollen Geburt wirklich gut betreuen konnte und ich weiß, dass ich ihren Bedürfnissen gerecht werden konnte. Das sind meist die Geburten, an die ich mich lange erinnere.“

*Präeklamsie ist eine schwere Erkrankung Schwangerer, die u.a. mit sehr hohem Blutdruck einhergeht und lebensbedrohlich sein kann. Oft muss die Schwangerschaft mit einem Kaiserschnitt beendet werden, um eine gesundheitliche Gefährdung abzuwenden.

 

Geburtshilfe

 

Videoeinblicke in Kreißsaal und Geburtshilfe

Beiträge aus der gleichen Kategorie

09.03.2022 - Gesund­heits­themen | Kinder- & Jugendmedizin

Junge oder Mädchen? Neue Sprechstunde zur Geschlechtsidentität am Clemi

Am Clementine Kinder­hospital hat sich ein neuer Behandlungsschwerpunkt etabliert, die Frankfurter Sprechstunde für Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung bei Kindern und Jugendlichen. Eltern, deren Kind, ob Junge oder Mädchen, über ein kurzzeitiges Experimentierstadium hinaus dauerhaft den starken Wunsch nach Zugehörigkeit zum anderen Geschlecht hat, können sich hier Rat holen.

18.02.2022 - Gesund­heits­themen | Innere Medizin

Die mit dem Durchblick: MTRAs am Bürgerhospital

Die Bandbreite an Fällen, die in der Radiologie untersucht werden, ist groß. Medizinisch-technischen Radio­lo­gie­as­sis­tenten (kurz MTRA) liefern mit radiologischen bildgebenden Verfahren die Basis für eine fundierte Diagnostik. Doch wie sieht der Berufsalltag eines MTRA genau aus? Um dieser Frage nachzugehen begleiten wir das MTRA-Leitungsteam, bestehend aus Nina Gagiannis und Benjamin Zimmermann, einen Tag lang bei der Arbeit.

07.01.2022 - Gesund­heits­themen | Kinder- & Jugendmedizin

Ohne Druck und Scham - Wie die Urotherapie Kindern beim Konti­nenz­trai­ning hilft

In unserer Gesell­schaft kursieren viele Ansichten darüber, wann und auf welche Weise ein Kind trocken zu werden hat. Auf dem Spielplatz oder im Kindergarten - Eltern tauschen sich untereinander darüber aus, verkünden Erfolge oder fragen kritisch nach. Auch ältere Gener­ationen sind nicht immer eine Hilfe, wenn sie stolz berichten, wie früher alle Kinder schon zeitig ohne Windel auskamen. Dabei ist die Kontinenzentwicklung untrennbar mit der Reife eines Kindes verbunden. Deswegen gelten Urin- bzw. Stuhlinkontinenz erst ab einem Alter von fünf Jahren überhaupt als Krankheitsbild. Und dies ist gar nicht so selten: In jeder Grundschulklasse gibt es mindestens ein Kind, das ein Problem mit der Blasen- oder Darmentleerung hat.