Eintauchen – und Abstand halten

Mit dem Beginn der Corona-Pandemie ließ sich die Ausbildung an den Pflegeschulen nicht mehr wie üblich durchführen. Neben dem fehlenden Präsenzunterricht konnten die Schüler vor allem auch keine praktischen Erfahrungen am Patientenbett sammeln. Neue Lösungen mussten her, um den Pflegeschülern trotz Distanz die wichtigen Lehrinhalte zu vermitteln. Hier berichtet Marcel Klein von seinem Ausbildungsalltag zwischen Theorie und Praxis während des Corona-Lockdowns.

Marcel ist seit über einem Jahr in der Ausbildung zum Pflegefachmann mit Vertiefung Pädiatrie. Sein Start im März 2020 erfolgte nahezu zeitgleich mit dem Beginn der Corona-Pandemie. Nach zwei Wochen Präsenzunterricht kam der erste Lockdown. Marcels erstes Ausbildungsjahr spielte sich nahezu durchgängig im Digitalen ab.

Um mit ihm zu sprechen, verabreden wir uns auf Microsoft Teams, dem Online-Programm das während der Pandemie für viele Schüler zum digitalen Klassenzimmer geworden ist. „Am Anfang war die Umstellung sehr herausfordernd“, erzählt er. „Gerade wenn uns anhand von Puppen oder Modellen etwas gezeigt wurde, wurde uns Schülern wie auch den Lehrern klar, dass online auch Qualität verloren gehen kann. Reanimationstraining per Videokonferenz, das klappt nicht“, erklärt der gebürtige Seligenstädter, der vor seiner Ausbildung Geschichte und Archäologie studiert hat. Hinzu kamen bekannte Probleme wie fehlende Ruhe in den eigenen vier Wänden und instabiles WLAN. Die größte Schwierigkeit war für Marcel Klein aber eine andere: der fehlende soziale Kontakt. „Wenn man sich in den ersten beiden Wochen nicht besser kennenlernen konnte, holt man das im Homeschooling nur schwer nach“, erklärt er. Deswegen unterstützten Pflegeschule und Lehrende den sozialen Austausch unter den Auszubildenden so weit wie möglich.

„Den größten Anteil an unseren Aufgaben bilden schon seit langem Gruppenarbeiten“, erläutert Somaya Girle, Praxisanleiterin und Lehrbeauftragte. Der digitale Schultag begann meist mit einer Präsen­tation der neuen Aufgaben – beispielsweise eines fiktiven Patientenszenarios. Auf Basis von Patientendaten wie Alter, Beschwerden und Krankheitshistorie erarbeiteten die Schüler in Kleingruppen passende Pflegemaßnahmen. Ergänzt wurden die Patientenszenarien mit Literaturhinweisen und fachspezifischem Videomaterial. „Auf diese Art möchten wir nicht nur den sozialen Austausch fördern. Sondern wir glauben, dass so eine Form des Unterrichts mehr Wissen vermittelt als der klassische Frontalunterricht – auch digital“, ergänzt Girle.

Tatsächlich verfolgt die Pflegeschule schon seit 2018 einen neuen Ansatz, der mit klassischem Schulunterricht nicht mehr viel zu tun hat. Einen Klassenraum, wie man ihn aus der Schule kennt, gibt es nicht mehr. Stattdessen bietet die Schule Räume für Kleingruppen, eine Bibliothek mit Arbeitsplätzen und modern eingerichtete Aufenthaltsräume, die den fachlichen und sozialen Austausch innerhalb der Schülerschaft fördern sollen. „Unsere Schüler haben schon vor Corona nicht mehr auf Papier geschrieben“, fasst Somaya Girle zusammen. Unterrichtsinhalte und Präsen­tationsformate hat die Schule frühzeitig digitalisiert: Powerpoint statt Kreidetafel, individuell gestaltbare Lernmodule statt Hausaufgaben. Deswegen habe man auch weniger Probleme gehabt, auf Homeschooling umzustellen, als andere Ausbildungseinrichtungen.

Was für Somaya Girle und die Lehrenden aber während des Lockdowns schwierig blieb, war, den tatsächlichen Lernfortschritt der einzelnen Schüler abzuschätzen. „Gerade bei stilleren Schülern fiel es uns schwer, über Videokonferenzen Unterstützungsbedarf zu erkennen. Deswegen war uns Feedback sehr wichtig. Das betonten wir schon dermaßen, dass es der eine oder andere Schüler nicht mehr hören konnte [lacht]. Aber wir wollten nunmal nicht, dass Auszubildende unbemerkt zurückfallen“, erklärt Girle. Entsprechend schnell und hilfsbereit reagierten sie und ihr Team auf Rückfragen und Unklarheiten der Schüler. „Meistens schaffte ich es, mich innerhalb einer Stunde beim fragenden Schüler zurückzumelden. Das ging aber auch nur, weil wir als Praxisanleiter und Lehrende von der Arbeit auf Station komplett freigestellt sind. Wenn das nicht so klar geregelt wäre, hätte niemand was davon – weder Schüler noch Patient noch ich“, erklärt Somaya Girle.

Damit Schüler trotz Homeschooling Trockenübungen am Patientenbett absolvieren konnten, wurde im Bürgerhospital ein „Demoraum“ eingerichtet. Hier können Auszubildende nun realitätsnah Arbeitseinsätze am Patientenbett trainieren. „Der Demoraum ist ein wichtiges Tool zwischen Schultheorie und Praxisphase am realen Krankenbett. Auch wenn nur eine Patientenpuppe im Bett liegt und versorgt werden muss. Die Schüler können sich durch die stationsähnliche Einrichtung hier gut auf den Einsatz bei echten Patienten vorbereiten“, schildert Somaya Girle. Auch für die Praxisanleiter ist der Demoraum ein großer Vorteil – hier können sie einzelne Schüler individuell schulen und Lerninhalte vertiefen. „Zum Teil sind das ganz banale Dinge, etwa die Technik eines Patientenbetts. Was wir hier aber auch machen, sind ‚Finde-den-Fehler‘-Übungen, um für Risiken in der stationären Pflege zu sensibilisieren“, erklärt Somaya Girle.

Aufgrund der Pandemie hatte Marcel wie alle anderen auch seine privaten Kontakte auf ein Minimum reduziert – und sehnte sich regelmäßig die Praxisphasen auf Station herbei. „Ich habe mich richtig auf den Wecker früh morgens gefreut. Auch wenn die Sicherheitsmaßnahmen die Arbeit erschwerten – gerade in der Kinderkrankenpflege. Durch den Mund-Nasen-Schutz wurde der Kontaktaufbau noch schwerer“, erzählt er. Deswegen habe er sich angewöhnt, mehr mit seiner Stimme zu arbeiten. „Ich versuche, mein Lächeln auf die Stimmbänder zu übertragen“, fasst Marcel zusammen. Mit etwas Geduld und Zeit vertrauten die Patienten ihm dann auch trotz Maske im Gesicht.

Fast genauso wie den Umgang mit Patienten und Angehörigen schätzt Marcel den Austausch mit Kollegen, die Bewegung auf Station und den direkten Austausch mit anderen Auszubildenden. Die Pandemie hat zwar seine Ausbildung beeinflusst, Zweifel am eingeschlagenen Weg sind ihm dadurch jedoch nicht gekommen. „Wenn ich mir von den Monaten während des Corona-Lockdowns aber etwas erhoffe, dann ist es, dass die Pflege in Zukunft noch mehr Anerkennung erfährt“, schildert er. Unter jungen Erwachsenen scheint der Beruf schonmal mehr Interesse geweckt zu haben: Seit letztem Frühjahr sind alle Ausbildungsjahrgänge am Bürgerhospital und Clementine Kinder­hospital voll belegt – trotz aufgestockten Plätzen.

 

Das Bürgerhospital und das Clementine Kinder­hospital bieten zweimal jährlich Ausbildungen zur Pflegefachkraft an. Die dreijährigen Kurse starten im Frühjahr bzw. Herbst. Der schulische Teil der Ausbildung erfolgt in der Rotkreuzschule. Hier werden die Pflegeschüler der BG Unfallklinik, der Rotkreuzklinik und des Bürgerhospital sowie des Clementine Kinder­hospital gemeinsam ausgebildet.

Weitere Informationen unter www.annersder.com/ausbildung

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