Von der Angst zum Vertrauen - Wie eine gute Betreuung Schmerzen lindert

Schon kleine Maßnahmen helfen, dass sich Kinder und Eltern vor und nach einer Operation optimal betreut fühlen. Mit einer guten Vorbereitung, positiver Kommunikation und viel Empathie schaffen es die Anästhesisten des Bürger­hospitals, Kindern die Angst vor einer Operation zu nehmen. Der positive Effekt: weniger Schmerzen, weniger Medikamente und eine schnellere Genesung.

Seit jeher sind operative Eingriffe bei Kindern mit zahlreichen Ängsten von Eltern verbunden. Nicht nur die Sorge um das Gelingen der Operation, sondern vor allem die Angst, dass ihr Kind Schaden an der Narkose nehmen könnte, sind die größten Befürchtungen. Als im Jahr 2016 die amerikanische Medikamenten-Aufsichtsbehörde FDA nach tierexperimentellen Studien warnte, dass Narkosemedikamente die Gehirnleistung von Kindern unter drei Jahren beeinträchtigen könnten, fühlten sich viele besorgte Eltern bestätigt.

Die Warnung erwies sich später durch zahlreiche Studien als unbegründet, jedoch war sie der Auslöser für eine Diskussion, was eine sichere Narkose eigentlich ausmacht. Denn immerhin geht es bei einer erfolgreichen Anästhesie nicht nur um die Dämpfung des Bewusstseins und die Schmerzausschaltung während der Operation selbst, sondern auch um die wirksame Schmerzbehandlung im Anschluss.

„Für eine gute Anästhesie ist es entscheidend, wer wie, wann und wo eine Narkose durchführt, nicht nur, welche Narkosemittel zum Einsatz kommen“, erklärt Dr. med. Julius Z. Wermelt, Chefarzt der Klinik für Anästhesie und Kinderanästhesie am Bürger­hospital Frankfurt. „Wir haben deshalb den Fokus der Anästhesie verlagert und sprechen nicht mehr nur von den Medikamenten, wenn es um Narkose geht. Wir nehmen vielmehr die gesamte Versorgungsqualität unter die Lupe.“

Denn neben den medizinischen Kriterien in der Anästhesie wie Blutdruck, Puls, Blutgase oder Elektrolyte ist ein weiteres wichtiges Kriterium für eine gelungene Anästhesie ein eher „weicher Faktor“, der sich nur schwer messen und kategorisieren lässt: nämlich das Gefühl der Angst.

Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen haben sich in den vergangenen Jahren mit den Auswirkungen von präoperativer Angst beschäftigt. „Es gilt mittlerweile als erwiesen, dass Menschen mit größerer Angst vor einer Operation im Nachgang auch größere Schmerzen haben und stärkere Medikamente benötigen“, erläutert Dr. Wermelt den entscheidenden Zusammenhang. „In der Anästhesie lag bisher der Fokus auf den körperlichen Parametern. "Wir Anästhesisten achten seit jeher auf alle wichtigen Vitalzeichen. Aber noch nicht alle Anästhesisten achten darauf, den Patienten möglichst angstfrei durch die Operation zu bringen.“

Das gilt umso mehr, je jünger die Patienten sind. Denn Kinder bringen nicht nur ihre eigenen Ängste vor der neuen Umgebung und den fremden Menschen mit, sondern übernehmen auch die Ängste ihrer Eltern und spüren jede Verunsicherung. „Wenn Kinder und Eltern mit viel Angst in eine Operation gehen, haben die Kinder im Anschluss stärkere Schmerzen und reagieren im Aufwachraum stärker auf die ungewohnte Umgebung“, bestätigt Dr. Wermelt.

Nachweislich messbar ist demnach nicht nur ein ruhigerer Puls. Auch das Angstlevel lässt sich über die Hirnaktivität im EEG abbilden und ist deutlich niedriger, wenn Kinder entspannt in den OP gebracht werden.

Aufklärungsgespräche schaffen Vertrauen

Eine gute Vorbereitung ist daher oft entscheidend für den Narkoseverlauf und die Schmerztherapie nach einer Operation. Im Aufklärungsgespräch erfahren die Anästhesisten nicht nur wichtige medizinische Details, sondern lernen auch die Eltern und deren Interaktion mit ihrem Kind kennen. Damit können sie dann ihr weiteres Vorgehen planen. „Die Eltern sind unsere wichtigsten Partner bei der Vorbereitung des Kindes. Wir nehmen uns viel Zeit für Gespräche, um alle Fragen restlos zu beantworten. Je besser die Eltern vorbereitet sind, desto mehr Ruhe vermitteln sie ihrem Kind und tragen so zu einer erfolgreicheren Anästhesie bei.“

Dr. Wermelt und seinem Anästhesie-Team ist es daher wichtig, dass Eltern ihre Ängste offen ansprechen. In den Vorgesprächen sind die häufigsten Fragen von Eltern, ob die verwendeten Medikamente schädlich sind, ob ihr Kind Schmerzen haben wird, welche Risiken bestehen und wie lange sie von ihrem Kind getrennt sein werden. „Gerade bei Operationen im Säuglingsalter werden Mütter oft zum ersten Mal von ihrem Kind getrennt und tun sich damit besonders schwer. Das ist ein ernst zu nehmender Aspekt.“

Die Anästhesisten am Bürger­hospital Frankfurt wollen Eltern deswegen intensiv begleiten und ein guter Ansprechpartner sein. „Als Ärzte sind für uns viele Eingriffe und Situationen sehr normal, das ist unser Berufsalltag. Aber für die Familien ist eine Operation eine emotionale Ausnahmesituation. Das dürfen wir bei unserer Berufsroutine nicht aus dem Blick verlieren.“

Dazu gehört es auch, Risiken ehrlich anzusprechen, ohne die Sorgen unnötig zu vergrößern. Wichtig ist dabei die richtige Wortwahl. Denn ein zu starker Fokus auf Negatives kann sogenannte Nocebo-Effekte auslösen. Während bei einem Placebo-Effekt positive Erwartungen an die Wirksamkeit eines Medikaments oder einer Behandlung zu einer Genesung führen können, können bei einem Nocebo-Effekt negative Assoziationen oder Ängste zu tatsächlichen Krankheitszeichen führen. Beide Effekte werden von der menschlichen Psyche gesteuert und haben messbare Auswirkungen auf den Gesundheitszustand von Patienten. So kann zum Beispiel die gut gemeinte Frage „Tut dir das weh?“ negative Assoziationen auslösen und das Schmerzempfinden bei Kindern verstärken. Mit Formulierungen wie: „Fühlst du dich wohl?“ oder „Kann ich etwas für dich tun?“ wird die Aufmerksamkeit dagegen positiv gelenkt.

„Wir sensibilisieren Eltern bei unseren Vorgesprächen für diese quasi selbsterfüllenden Prophezeiungen. Wir versuchen, andere Formulierungsmöglichkeiten zu finden, die zu einer positiven Einstellung führen. Wir raten auch davon ab, das Geschehen zu verharmlosen oder zu beschwichtigen mit Sätzen wie ‚das ist doch nicht schlimm‘. Dies führt nur dazu, dass sich Kinder nicht ernst genommen fühlen und im schlimmsten Fall den Eindruck haben, sie würden belogen“, so Dr. Wermelt.

Gut betreut während der Einleitung

Schon kleine Stellschrauben im Ablauf können für die Kinder viel bewirken: „Wenn während einer Narkoseeinleitung die Anästhesisten sitzen, begeben sie sich auf Augenhöhe mit dem liegenden Kind. Direkt erscheinen alle Erwachsenen weniger groß und das Kind fühlt sich nicht so bedroht. Es braucht eigentlich nur einen Stuhl, damit die Situation für junge Patienten etwas leichter wird“, erläutert Dr. Wermelt.

Auch Nüchternzeiten sind ein bedeutender Faktor für das Wohlbefinden von Kindern. Aus diesem Grund orientieren sich die Anästhesisten des Bürger­hospitals an neuesten Forschungsergebnissen, die einen deutlich kürzeren Zeitraum ohne Essen und Trinken vor Operationen erlauben.

Ebenso hilfreich ist es, wenn nur so wenige Handlungen wie möglich an dem noch wachen Kind vorgenommen werden. „Viele Untersuchungen, wie etwa das Messen des Blutdrucks können auch erfolgen, wenn das Kind im Schlafzustand ist. Wenn mehrere Personen zu viele Handlungen kurz vor der Narkose am Kind ausführen, kann dies zu unnötiger Aufregung führen“, führt der Mediziner weiter aus. Um das Vertrauen des Kindes zu gewinnen, hat jedes Kind einen festen Ansprechpartner, der es während der Narkoseeinleitung betreut.

Wichtig ist es auch, Kinder altersentsprechend in das Geschehen einzubinden. Bei Kindern ab etwa acht Jahren helfen ehrliche und souveräne Aufklärungsgespräche. Bei jüngeren Kindern kann die Fantasie genutzt werden, um eine Situation spielerisch zu entspannen. Dann wird die Beatmungsmaske kurzerhand zur Pilotenmaske umfunktioniert oder die Anästhesisten gehen mit dem Kind auf eine Reise. „Der spielerische Umgang mit den Kindern ist kein Klamauk. Wir können mit dieser Kommunikation gezielt Ängste nehmen und die Einleitung zu einer unproblematischen Erfahrung werden lassen“, erklärt Dr. Wermelt. „Vorschulkinder zum Beispiel lassen sich dank ihres magischen Denkens ablenken. Dieses Potenzial machen wir uns zunutze.“

Optimaler Einsatz der Narkosemittel

Bei optimal gestalteten Abläufen und entsprechenden räumlichen Bedingungen ist es sogar möglich, ganz auf den Beruhigungssaft vor der eigentlichen Narkose zu verzichten. „Jedes Medikament hat mögliche Neben- oder Wechselwirkungen. Je weniger wir verabreichen müssen, desto besser“, erklärt Dr. Wermelt.

Auch während der Operation gilt es, die beste Narkoseform zu wählen. Teil- und Vollnarkose werden exakt aufeinander abgestimmt, um mit möglichst wenigen Medikamenten eine optimale Anästhesie zu erreichen. „Eine Operation nur in Teilnarkose, bei der nur das betreffende Körperteil betäubt wird, ist erst bei Jugendlichen möglich. Selbst kurze Eingriffe können Kinder emotional überfordern“, führt Dr. Wermelt aus. Deswegen wird bei Operationen im Kindesalter immer eine Vollnarkose mit einer Regionalanästhesie angestrebt. Dadurch können die Medikamente der Vollnarkose geringer dosiert werden, denn die Schmerzausschaltung geschieht lokal. Etwaige Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit oder Übelkeit werden so auf ein Minimum reduziert. Wenn Kinder nach einer Narkose so wenige Nebenwirkungen wie möglich erfahren, dann sind sie auch schneller mobil, spielen eher und sind früher zurück im Alltag. Dies führt wiederum zu einer besseren Wundheilung und ebenso zu weniger Schmerzen.

Aufwachen mit den Eltern

Auch das Aufwachen im Beisein der Eltern hilft Kindern, die Eindrücke rund um eine Operation besser zu verkraften. Am Bürger­hospital Frankfurt gibt es deswegen einen separaten Aufwachraum, wo Eltern bei ihren Kindern sein können, wenn diese aus der Narkose aufwachen. So können die Eltern ihren Kindern auch in fremder Umgebung ein Gefühl von Geborgenheit geben.

Um im Aufwachraum optimal auf die jungen Patienten eingehen zu können, ist es wichtig, dass das anästhesiologische Fachpersonal die altersgerechte Entwicklung eines Kindes kennt. Denn je nach Alter wird Schmerz anders lokalisiert und artikuliert. Im Aufwachraum helfen daher altersentsprechende Messmethoden und Skalen, die Schmerzintensität abzuschätzen und bei Bedarf Therapien einzuleiten.

„All diese kleinen und großen Maßnahmen helfen dabei, Angst zu reduzieren, indem wir das Wohlbefinden und das Vertrauen steigern. Man braucht aber einen Blick dafür und die Bereitschaft, sich auf ein Kind einzulassen“, bringt es Dr. Wermelt auf den Punkt. Die beste Schmerztherapie beginnt sozusagen bereits vor der Operation – mit Zeit für Gespräche, den richtigen Informationen und jeder Menge Einfühlungsvermögen.

Christiane Grundmann

 

Weitere Informationen:

Klinik für Anästhesie und Kinderanästhesie

Klinik für Neugeborenen-, Kinderchirurgie und -urologie

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