Aus der Erfahrung anderer Kraft schöpfen - Elterninitiative unterstützt Frühcheneltern

Wenn ein Kind früher als geplant auf die Welt kommt, wirft das die Planungen und den Alltag der Eltern oft über Bord. Muss das Kind zudem länger im Krankenhaus bleiben, wachsen Sorgen und Ängste vieler Eltern schnell an. 2018 haben sich Eltern von ehemaligen Frühchen zu einer Initiative zusammengeschlossen, um Mütter und Väter zu unterstützen, die vor der gleichen Herausforderung stehen. Ein Gespräch mit Maya Baußmann-Herr, Vorsitzende der Initiative.

Frau Baußmann-Herr, wie genau kam es zur Initiative?
Die Idee kam mir schon während der langen Zeit, die ich 2016 und 2017 mit meinen frühgeborenen Zwillingen im Bürger­hospital verbracht habe. Ich dachte immer, dass es mir helfen würde, mich mit anderen Eltern in ähnlichen Situationen auszutauschen. 2018 kam dann das Krankenhaus auf mich zu und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, eine Elterninitiative mit ins Leben zu rufen.

Wer ist in der Initiative alles involviert?
Involviert sind neben vielen Eltern auch Mitarbeiter der Klinik für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin, unter anderem Chefarzt Professor Kunzmann und Pflegekräfte sowie die Seelsorge. Das ermöglicht einen engen Austausch und ist eine gute Kombination, denn der erste Kontakt zu Eltern und die Vermittlung unseres Hilfsangebots erfolgen durch die Klinik.

Wie erleben Eltern von Frühgeborenen die erste Zeit im Krankenhaus?
Viele Eltern sind von der Frühgeburt überrascht und wie in einem Schockzustand. Nicht selten entwickeln sie existenzielle Ängste und sind verzweifelt. Sie befinden sich auf einmal in einer ihnen unbekannten Welt und müssen sich erst zurechtfinden. Andere verdrängen die Situation aktiv oder gelangen unbewusst wie in einen Trancezustand und versuchen, sich so zu schützen und ihre „Funktionsfähigkeit“ zu erhalten.

Wie unterstützen Sie in dieser Zeit?
Wir stehen als Ansprechpartner zur Verfügung, zum allgemeinen Verständnis der Abläufe, für konkrete Fragen zu Krankheiten und Verläufen. Im Bereich der neonatologischen Stationen hängen seit Kurzem auch Fotos von ehemaligen Frühgeborenen des Bürger­hospitals. Die Fotos entstanden aus einem tollen Projekt, welches wir mit zwei ehrenamtlichen Fotografen und der Klinik realisieren konnten. Sie zeigen Kinder wenige Tage nach der Geburt und dann nochmal im Kindesalter. Wir wollen zeigen, dass es sich lohnt, dass auch Neugeborene mit einem sehr schweren und sehr frühen Start zu glücklichen Kindern heranwachsen können.

Was würden Sie aus Ihrer Erfahrung heraus betroffenen Eltern raten?
Da kann man auch keine allgemeine Empfehlung aussprechen, das Erleben und die Verarbeitungsmechanismen sind zu unterschiedlich. Vielen hilft es aber, sich auszutauschen, Erleben und Empfinden zu verbalisieren, und zwar gegenüber Menschen, die – auch wenn man sie überhaupt nicht kennt – „näher dran“ sind an der aktuellen eigenen Erlebniswelt, als dies oft Familie und Freunde sind. Hilfreich ist auch, jeden Tag neu anzugehen, schlechte Tage und Rückschritte anzunehmen und Fortschritte für sich zu dokumentieren - seien sie noch so klein. Ratsam ist es auch, sich nicht durch zu viele Online-Recherchen verunsichern zu lassen, sondern den Ärzten vor Ort zu vertrauen.

Welche Herausforderungen warten dann auf die Familien nach der Entlassung nach Hause?
Nicht selten empfängt einen das Umfeld zu Hause mit den Worten: „Jetzt seid ihr zu Hause, jetzt ist alles gut“. Das mag manchmal so sein, in vielen Fällen wartet aber eine schwierige und anstrengende Zeit auf die Eltern. Manche sind nach vielen Wochen oder Monaten im Krankenhaus zu Hause erst einmal unsicher. Zu den alltäglichen Herausforderungen mit einem oder mehreren Neugeborenen daheim kommen oft Arztbesuche und Therapien hinzu. Die Kinder brauchen mehr Ruhe und Schonung als Reif- bzw. Gesundgeborene. Nicht immer haben Familie und Freunde dafür das nötige Verständnis, was dazu führen kann, dass sich Eltern unverstanden und alleine fühlen. Viele Eltern sind nach Monaten im Krankenhaus auch erschöpft und durch das Erlebte traumatisiert. In einem solchen Zustand fällt vieles Alltägliche schwer oder ist kaum möglich.

Wie können Sie den Familien langfristig helfen?
Durch unsere Austauschmöglichkeiten können wir den Familien auch noch Monate und Jahre nach der Frühgeburt als Ansprechpartner zur Verfügung stehen, Kontakte vermitteln oder einfach nur ein offenes Ohr haben. Insbesondere die WhatsApp-Gruppe bietet die Möglichkeit, immer und jederzeit mit anderen Eltern in Kontakt zu treten, wenn man das Bedürfnis hat. Wir haben in der Gruppe Eltern, deren Kinder noch auf Station sind, und andere, deren Kinder schon vier oder fünf Jahre alt sind.

Welche weiteren Möglichkeiten des Austauschs bieten Sie den Eltern an?
Vor Corona haben wir regelmäßig im Krankenhaus Elterncafés angeboten, in denen unsere Mitglieder als direkte Gesprächspartner für Frühcheneltern zur Verfügung standen. Das war ein großartiger Austausch! Leider ist das derzeit nicht möglich. Dafür finden unsere monatlichen Stammtische in einem Restaurant in der Nähe des Bürger­hospitals wieder statt.

Nehmen die Eltern Ihr Angebot gleichermaßen positiv an?
Diejenigen Eltern, die das Angebot annehmen, geben uns immer sehr positive Rückmeldung und beschreiben es als sehr hilfreich. Aber natürlich erreichen wir nicht alle Eltern; manche möchten keinen Kontakt und für manche ist die Hemmschwelle, sich an uns zu wenden, trotz allem zu hoch.

Gibt es auch Situationen, in denen Sie selbst ratlos sind?
Wenn ein Kind sehr schwer krank ist oder verstirbt, ist das immer eine Situation, in der man an seine Grenzen kommt. Hier verbietet sich so etwas wie Ratschlag.

Kooperieren Sie mit fachlichen Stellen, die Ihre Arbeit ergänzen?
Offizielle Kooperationen haben wir nicht. Wir verfügen aber über ein großes Netzwerk und Kontakte zu Fachärzten, Therapeuten, Beratungsstellen (zum Beispiel dem Familiengesundheitszentrum und den „Elternkursen Frankfurt“) und dem Bundesverband „Das frühgeborene Kind“ e.V., an die wir Eltern vermitteln können.

Welchen Herausforderungen begegnen Sie bei Ihrer Arbeit?
Der Kontakt mit uns aufsuchenden Eltern bedeutet, Menschen in einer Ausnahmesituation kennenzulernen. Man muss sehr vorsichtig und feinfühlig an die Gespräche herangehen, erst einmal zuhören und nicht die eigene Erinnerung und Erfahrung als Maßstab nehmen. Jeder Elternteil erlebt und agiert anders, die Situation jedes Kindedes ist anders – man muss sich manchmal selbst sehr zurücknehmen. Denn es geht immer und ausschließlich um die Eltern, die sich an uns wenden.

Was motiviert Sie persönlich?
Wir haben durch viele kleine Schritte, Aktionen und Maßnahmen schon so viel Positives erreicht, sind mit so vielen Eltern in Kontakt gekommen, konnten ihnen Mut machen, sie konkret unterstützen und haben von ihnen so viel Dankbarkeit erfahren – das ist eine wunderbare Motivation.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Wir alle wünschen uns, dass die konstruktive Zusammenarbeit mit der Klinik fortgeführt wird und wir unsere „Vor-Corona“-Aktivitäten wie das Elterncafé wieder aufnehmen und andere in Planung befindliche Formate umsetzen können.

 

Die Elterninitiative der Neonatologie ist ein Zusammenschluss von Eltern, deren Kinder längere Zeit auf den neonatologischen Stationen im Bürger­hospital und im Clementine Kinder­hospital verbringen mussten. Sie unterstützt Eltern im Kontext einer Frühgeburt, vermittelt Kontakte zu spezialisierten Fach- und Kinderärzten sowie Therapeuten. In regelmäßigen Abständen finden zudem Stammtischabende zum persönlichen Austausch statt. Mehr Informationen unter www.neoeltern.de

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