15 Jahre Grüne Straße: Drogen auf Rezept, kann das gut gehen?

Auf den ersten Blick erscheint die Grüne Straße 2 - 4 im Frankfurter Ostend wie eine alte Lagerhalle. Tatsächlich war hier lange Zeit das Kontor einer Weinhandlung beheimatet. Doch seit nunmehr 15 Jahren dient das Gebäude als Heroinambulanz – und hat sich seitdem zu einer festen Institution im Frankfurter Hilfssystem für Drogen­abhängige entwickelt.

Langjährigen Heroinabhängigen einen letzten Ausweg bieten– das war und ist bis heute das Ziel der Heroinambulanz in der Grünen Straße im Frankfurter Ostend. Die Mitarbeiter der Ambulanz versorgen ihre Patienten bis zu dreimal täglich mit pharmakologisch reinem Heroin, prüfen die Einnahme von lebensnotwendigen Medikamenten – und sorgen durch psychosoziale Beratung für Struktur im Lebensalltag der Patienten. Während die Anfangsjahre des vom Bürger­hospital getragenen Projekts noch von politischer Skepsis geprägt waren, hat die Heroinambulanz heute Vorbildcharakter. Bis dahin war es allerdings ein langer und mühsamer Weg.

Der Staat als Dealer?

Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre hatte sich die Drogenproblematik in Frankfurt und anderen deutschen Großstädten dramatisch zugespitzt. Allein in der Mainmetropole gab es 1992 über 140 Drogentote. Hinzu kam, dass sich viele Abhängige über verunreinigtes Drogenbesteck mit lebensbedrohlichen Krankheiten wie HIV oder Hepatitis infizierten. Aus dieser Notlage heraus hatte die Stadt Hamburg 1992 die Erprobung einer kontrollierten Heroinvergabe an Schwerstabhängige angeregt. Die Hansestadt war ähnlich stark von der Drogenproblematik betroffen wie Frankfurt. Die Idee stieß auf Bundesebene auf wenig Gegenliebe. Der Staat könne sich nicht zum Dealer der Drogenkonsumenten machen, so die Gegner der Initiative. Erst Ende der 1990er Jahre kam Bewegung in die Sache und ab 2002 gingen schließlich Heroinambulanzen in mehreren deutschen Städten an den Start. Im Februar 2003 nahm schließlich die Heroinambulanz in der Grünen Straße im Rahmen der „Heroinstudie“ ihre Tätigkeit auf.

Gesundheitszustand verbessern und Lebensalltag strukturieren

Heroin verabreichen, um aus der Drogen­abhängigkeit zu helfen? Was paradox klingt, war in der Grünen Straße von Anfang an Programm – und hat sich bewährt: In der Heroinambulanz müssen die Patienten keine Infektion durch verunreinigtes Spritzbesteck befürchten. Die Gefahr einer Überdosis ist durch die kontrollierte Vergabe der Drogenmengen ebenfalls ausgeschlossen. So wird das gesundheitliche Risiko der Abhängigen in einem ersten Schritt stark verringert. Mindestens genauso wichtig ist die Verbesserung der sozialen Situation der Patienten. Schwerstabhängige setzen sich tagtäglich nur ein Ziel, das alles andere in den Hintergrund rückt: der nächste Schuss.

Die Drogen­abhängigkeit bestimmt den Alltag und macht Lebensstruktur und -ordnung unmöglich. An dieser Stelle setzt die Heroinambulanz an. „Mit unserem Programm lösen wir die Patientenaus der Drogenszene und schaffen die Grundlage, um ihre Lebensqualität langfristig steigern zu können. Das wirkt sich auch positiv auf die allgemeine Sicherheitslage aus: Wenn man bedenkt, dass ein Heroinabhängiger täglich 60-200 Euro benötigt, um seinen Konsum zu decken, kann man sich ausmalen, wie viele kriminelle Aktivitäten verhindert werden“, so Dietmar Paul, Leiter der Ambulanz und Chefarzt der Klinik für Ab­hängig­keits­erkrankungen am Bürger­hospital Frankfurt. Heute betreut die Heroinambulanz rund 110 Patienten.

Der Ablauf der Drogenausgabe ist streng reglementiert und erfordert viel Disziplin von allen Beteiligten. „Gerade für die Patienten, deren Alltag lange Zeit ohne Struktur verlaufen ist, sind die Abläufe zunächst sehr anstrengend“, erläutert Thomas Vogel, Leitender Oberarzt der Heroinambulanz. Die Vergabe des Heroins erfolgt dreimal täglich zu festen Uhrzeiten. Bevor sich die Patienten das Heroin injizieren dürfen, müssen sie einen Alkoholtest durchlaufen und unter Aufsicht ihre Medikamente (z. B. gegen HIV) nehmen. Nach der Injektion müssen sie noch für eine halbe Stunde zur Beobachtung bleiben. „In sehr seltenen Fällen bleiben Patienten noch länger zur Beobachtung da. Ernsthafte Notfälle, die eine medizinische Intervention erfordern, kommen sehr selten vor. Bei über 75.000 Injektionen jährlich etwa acht bis neunmal“, so Dietmar Paul.

Individuelle Behandlungsdauer und -intensität

Die meisten Patienten kommen zweimal täglich in die Grüne Straße. Gerade zu Beginn der Behandlungszeit sind aber drei Besuche am Tag die Regel. Mit der Zeit wird dann versucht, die Dosis sukzessive zu reduzieren. Ein Prozess, der je nach Behandlungsverlauf und Patient mehrere Jahre dauern kann – dafür aber umso nachhaltigere Erfolge mit sich bringt: „Wir haben Patienten, die mit drei Injektionen täglich gestartet sind und sehr rauschorientier twaren und heute auf eigenen Wunsch nur noch geringe Dosen einnehmen. Mit dieser minimierten Abhängigkeit können sie ein relativ normales Leben führen, z. B. eine Ausbildung machen, ihrer Arbeit nachgehen oder sich um ihre Familie kümmern“, erklärt Thomas Vogel.

Ein dafür wesentlicher Schritt ist die Betreuung der Patienten durch Sozialarbeiter, die bei der schrittweisen Rückkehr in einen strukturierten Lebensalltag helfen – z. B. durch Angebote der beruflichen Wiedereingliederung oder bei der Wohnungssuche. So gehen heute 25 Prozent aller Patientender Heroinambulanz einer geregelten Beschäftigung bzw. Arbeit nach oder befinden sich in einer Ausbildung. Darüber hinaus bietet die Heroinambulanz ihren Patienten zusätzliche tagesstrukturierende Angebote an, etwa eine Kunstgruppe und eine Musikband, um sie über die Vergabezeiten hinaus für Aktivitäten zu gewinnen, die eine Wiedereingliederung in einen normalen Lebensalltag erleichtern.

Hohe Aufnahmekriterien

Trotz der positiven Entwicklung kommen jährlich nur sehr wenige neue Patienten in die Heroinambulanz. Grund sind nicht etwa fehlende Plätze, sondern die strengen Aufnahmekriterien, die Abhängige für die krankenkassenfinanzierte Behandlung in der Grünen Straße erfüllen müssen. Nur wer mindestens 23 Jahre alt, seit mindestens fünf Jahren abhängig ist sowie zwei Suchttherapien – davon eine über sechs Monate lange Methadonbehandlung hinter sich hat, erfüllt die Voraussetzungen für eine Behandlung. Hohe Hürden, die dafür sorgen, dass die Heroinambulanz für die Patienten meist die allerletzte Möglichkeit ist, ihre Sucht zu therapieren. Dietmar Paul und seine Kollegen setzen sich deswegen für eine Anpassung der Aufnahmekriterien ein, um mit der Heroinambulanz künftig noch mehr Patienten als bisher helfen zu können. Denn selbst viele Gegner von einst sind heute von der Heroinambulanz überzeugt. Dass der in der Grünen Straße eingeschlagene Weg vielversprechend ist, haben die letzten 15 Jahre bewiesen.

Das bundesdeutsche Modellprojekt zur heroingestützten Behandlung Opiatabhängiger

Vor dem Start der Heroinambulanzen wurde in Heroin-Entzugsprogrammen ausschließlich das Ersatzmittel Methadon verabreicht. Von 2002 an wurden im Rahmen eines Modellprojekts in Deutschland erstmals Abhängige mit der Vergabe von Diamorphin (also pharmakologisch reinem Heroin) anstelle von Methadon behandelt. In der Grünen Straße startete die Behandlungsphase 2003. Ein Jahr lang bekamen Drogen­abhängige entweder Diamorphin oder Methadon und wurden regelmäßig medizinisch und psychosozial betreut. Bis Mitte 2005 wurden die Ergebnisse der Studie wissenschaftlich ausgewertet und zusammengefasst: Unter den Patienten, die mit Diamorphin behandelt wurden, war die Abbrecher-Rate wesentlich niedriger, die Patienten befanden sich körperlich und psychisch in einem besseren Zustand, begingen weniger Eigentumsdelikte – und kamen seltener mit der Drogenszene in Kontakt. Nach Abschluss der Studie verabschiedete der Bundestag 2009 das Diamorphin-Gesetz und schuf so die rechtlichen Voraussetzungen für die Vergabe von Heroin an Schwerstabhängige. Seit 2010 werden die Behandlungskosten von den Krankenkassen übernommen. Bundesweit existieren heute insgesamt zehn Heroinambulanzen in Berlin, Bonn, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, Karlsruhe, Köln, München und Stuttgart.

 

Silvio Wagner

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